redenhilft #58: together stronger

Shownotes

Schnackt man mit Carsten Schulz, geht einem das Herz auf. So viele Ideen, neue Aspekte, basierend auf einem großen Miteinander, neuen Strukturen und wertebasierten, langfristigen Strategien. Wundervoll. Im Gespräch mit Uli Britting schildert Carsten Schulz den Hintergrund für seine Transformationsleidenschaft, seine Motive und Ziele, die im Grunde weit über Themen wie Effizienz und Standards hinausgehen. Wie viel Eigenständigkeit will der Einzelne erhalten, wie regelt sich auf einer so breiten Basis eine Nachfolge und wie nehme ich bei all diesen Veränderungen auch alle Mitarbeitenden mit? Und weil der Prozess offenbar derart beflügelt hat, reden wir und die beiden im Gespräch sogar über Genossenschaftsmodelle, ihr Für und Wider und ob sie am Ende des Tages eine valide Alternative zu Private Equity-Diskussionen sind. Eine wahnsinnig kurzweilige Episode von ba taxter – oder was meint ihr?

Gast

Casten Schulz www.linkedin.com/in/carstenschulz/

Host:

Ulrich Britting
LinkedIn: https://de.linkedin.com/in/ulrichbritting

ba tax gmbh
LinkedIn: https://de.linkedin.com/company/bagroup5
Website: https://ba-tax.de/

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Ulrich: Herzlich willkommen zur neuen Episode vom ba taxer. Ich bin Uli Britting und ich quatsche heute mit Carsten Schulz von der HSB-Gruppe. Herzlich willkommen, Carsten.

Carsten Schulz: Hallo lieber Uli, freue mich riesig über die Einladung. Herzlichen Dank, endlich schaffen wir es.

Ulrich: Nun denke ich immer, du bist berühmt wie ein bunter Hund und die HSB-Gruppe kennt auch jeder, ist aber wahrscheinlich nicht so. Kannst du uns einmal erzählen, wer du bist und was die HSB-Gruppe macht?

Carsten Schulz: Gerne. So, Carsten Schulz, Steuerberater, geschäftsführender Partner einer Kanzlei in Hannover mit 30 Mitarbeitenden. Und ich habe vor fast 20 Jahren mal die HSB-Gruppe erfunden, wenn man so will. Es ist ein Kooperationsverbund, also ein Zusammenschluss von Steuerkanzleien, aber ohne gesellschaftsrechtliche Beteiligung. Hintergrund ist, dass wir mal für uns erarbeitet haben seinerzeit, dass wenn man viele Themen der Leistungserbringung, also Servicequalität, Produktqualität, fachliche Qualität und vieles mehr ernst nimmt als Kanzlei, dann ist das sehr aufwendig und es möglicherweise spannend sein kann, sich mit anderen zusammenzutun, um gemeinsam mehr zu erreichen. Und so haben wir eben diesen Kooperationsverbund damals ins Leben gerufen, sodass wir QM, IT, Marketing und vieles mehr eben gemeinsam machen, gemeinsam finanzieren und zentral eben steuern. Das ist die HSB-Gruppe.

Ulrich: Wie viele seid ihr? Gibt es euch nur in Deutschland oder auch international?

Carsten Schulz: Nee, gibt es nur in Deutschland. Wir sind auch hart auf DATEV ausgerichtet. Das war von Anfang an klar, dass wir kein buntes Sammelsurium an Software-Anbietern machen, weil auch schon vor fast 20 Jahren klar war: Die Software ist ein wesentliches Asset einer Kanzlei, natürlich neben den Menschen und so weiter, bevor das falsch verstanden wird. Aber wenn man vereinheitlichen will, einheitliche Standards haben will, dann geht das nach meinem Verständnis nicht mit einer bunt gemischten Softwarewelt. Uns gibt es jetzt in Deutschland an etwas über 100 Standorten. 111 waren es kürzlich. Jetzt weiß ich nicht, ob was dazugekommen ist, aber wahrscheinlich ja. 111, und es sind in Summe ungefähr 1200 Mitarbeitende. Und das teilt sich dann auf mit der kleinsten Kanzlei mit drei Leuten oder so und der größten Kanzlei mit 35.

Ulrich: Das ist ja eine klassische Größenverteilung der meisten Kanzleien. Und ihr seid deutschlandweit vertreten oder habt ihr Schwerpunkte regionaler Art?

Carsten Schulz: Genau. Wir sind deutschlandweit vertreten. Wir haben auf der Landkarte noch weiße Flecken. Die werden jetzt nach und nach auch noch befüllt, wenn man so will. Und wir haben jetzt auch keine Wachstumsstrategie in irgendeiner Form mehr, sondern wir freuen uns, wenn es Interesse gibt an uns. Wir machen auch in gewisser Weise noch durchaus Vertrieb. Aber wir sind schon mit dem, was wir erreicht haben, sehr zufrieden.

Ulrich: Du erzähltest ja, ihr habt euch auf die DATEV festgelegt. Ich folge dir schon eine Weile auf LinkedIn, Facebook und wo du überall tätig warst. Vor allem vor zehn Jahren, als wir hier angefangen haben. Da hast du ja mal so ein Labor gebaut bei dir in Hannover, wo du die unterschiedlichen IT-Dinge, die so auf die Branche einprasseln, zum Testen zur Verfügung gestellt hast. Gibt es das Labor noch oder wie geht ihr damit um mit den ganzen neuen Sachen, wenn ihr so fixiert auf die DATEV seid?

Carsten Schulz: Ja, also das Labor gibt es nicht mehr. Es war ja das DigiLab, was wir bei uns eingerichtet haben seinerzeit mit sehr vielen unterschiedlichen Monitoren, Scannern, Apps, allem Möglichen. Da ging es aber im Wesentlichen um die Fragen des Belegzugangs beispielsweise in die Kanzlei, der Ausstattung der Arbeitsplätze, und das haben wir da unten damals – „da unten“ meint eben im Souterrain bei uns in der Kanzlei – in diesem Raum, den wir da haben, der sehr schön ist, gemacht. Das ist zwischenzeitlich aufgelöst worden, weil wir festgestellt haben, dass wir es einfach nicht mehr brauchen, weil die Fragen der Durchführung bestimmter Aktivitäten im Bereich IT zwischenzeitlich geklärt sind. Da gibt es kaum noch offene Themen, was das angeht. Und dieser Raum ist mittlerweile das HSP-Forum geworden. Das haben wir gerade umgebaut, sehr schön, wo wir uns mit Mitarbeitenden treffen, um den Austausch angesichts der hohen Homeoffice-Quote zu fördern. Also wir treffen uns da und sprechen dann miteinander dort.

Ulrich: Aber eher ihr jetzt als Kanzlei und nicht mehr so wie das DigiLab vorher war als Anziehungspunkt auch für andere.

Carsten Schulz: Nee, genau, wir als Kanzlei nutzen das. Es gab jetzt noch mal aktuell die Idee, dass wir ein kleines Videostudio auch noch einrichten. Das haben wir jetzt erst mal pausiert, weil wir das derzeit nicht so zwingend sehen, dass das intensiv genutzt wird. Also die Idee ist sicherlich noch nicht raus, aber wir müssen mal gucken.

Ulrich: Ja, über das Video- und Fotostudio habe ich auch schon ein paar Mal nachgedacht. Aber ich kann mir vieles schönrechnen, aber das habe ich nicht geschafft, weil das Anmieten von regional sehr naheliegenden Studios meiner IT-Kooperationspartner einfach weniger Platz wegnimmt, günstiger ist und professioneller wird, als wenn ich sie alleine gebaut hätte.

Carsten Schulz: Es ist so ein bisschen: Unser Kreativdirektor, der Rainer Gärtner, und ich sind ja total technikverliebt auch, was das angeht. Dann sitzen wir zusammen und sagen: Mensch, wäre das nicht schön, wenn wir da unten so One-Click-Videoaufnahmen in 4K und richtig gut und tonperfekt und sozusagen auch einen Workflow abbilden würden, der es im Grunde genommen jedem in der Kanzlei ermöglicht, da hinzugehen, auf drei Knöpfe zu drücken, dann geht die Beleuchtung gut an, die Kameras sind alle ready, dann drückt er noch auf ein Knöpfchen, dann startet die Aufnahme, alles super vorbereitet und so. Dann ist die Aufnahme fertig – also nehmen wir mal eine Diskussion oder was auch immer man da jetzt gerade aufnehmen will – drückt noch auf ein nächstes Knöpfchen, alle Dateien wandern wie durch ein Wunder dann zu dem Editor, der dann das zurechtschneidet auf die Schnelle, und dann haben wir eine Stunde, nachdem die Aufnahme beendet ist, das fertige Material. Wenn man diese Idee dann hat, dann findet man sie natürlich super, also ganz klar. Dann kalkuliert man das. Da gibt es ja den Adrian Metzger, auch auf LinkedIn zu finden, der das auf eine tolle Art und Weise dann auch für einen aufbereitet. Dann hätten wir jetzt den Schwur leisten müssen, zu sagen, wir machen das, und haben dann noch mal gesagt: Ja, okay, jetzt noch mal ganz ehrlich, was glauben wir denn daran, wie oft es genutzt wird? Und dann kamen wir zu einer ähnlichen Überlegung, die du hast, dass man sagt: Ach so, nee, dafür können wir natürlich auch fünf Jahre lang jetzt irgendwo anders reingehen, theoretisch. Der Gedanke ist trotzdem nicht weg, weil haben ist besser als brauchen, wie wir hier bei mir auf dem Dorf immer sagen. Aber mal gucken. Aber gut, um deine Frage zu beantworten: Nee, das DigiLab gibt es nicht mehr und das sehen wir auch so gar nicht, dass man das jetzt so wieder aufbaut.

Ulrich: Ja, cool wär’s trotzdem. Also meinen Traum habe ich auch noch nicht beendet.

Carsten Schulz: Absolut. Ich habe gerade für mein Homeoffice noch mal neue Monitore bestellt und jetzt brauche ich einen neuen Schreibtisch, weil das alles nicht mehr passt und so weiter. Es muss alles noch mal optimiert werden. Es gibt von Elgato den großen Teleprompter, ich weiß nicht, ob du ihn schon gesehen hast, den 17 Zoll, den kannst du wie ein Monitor verwenden und dann mit einer spiegellosen Kamera. Also es gibt ja immer dann doch noch was zu optimieren, wenn man einen gewissen Spieltrieb hat und einfach Kabel mag, wie ich.

Ulrich: Spieltrieb ist ein schönes Schlagwort. Wir fangen an mit der HSP-Gruppe und dem Spieltrieb und dem DigiLab. Ihr probiert hier viele neue Sachen aus, könnt ihr natürlich in der Größe auch zentriert ganz gut. Und wenn man dann so – ich nenne dich jetzt mal Spielkind – ein Spielkind hat wie dich, dann kommt ja auch immer was bei rum. Einer der Aufhänger, den ich hatte, weil ich gerade mit vielen Gästen aus der Branche über Private Equity und andere Sachen rede, war, dass ihr einen ganz besonderen Weg gegangen seid jetzt mit der HSP-Gruppe, mit einer Genossenschaft. Und zwar nicht von Alex Düsseldorf Fischer inspiriert, sondern ganz aus euch selber heraus.

Carsten Schulz: Ja, so ist es. Klar. Natürlich will ich meinen Einkauf beim EDEKA auch nachher dann da geltend machen. Denn schließlich hat er es ja gesagt, dass das geht. Aber ich habe irgendwie gerade was gelesen, dass der BFH meint: Nee, doch nicht. Also na ja. Jedenfalls war das nicht unser Antrieb, das genossenschaftliche Modell zu gehen, sondern ein anderer. Wir sind ja vor fast 20 Jahren gestartet mit der HSB-Gruppe. Und ach, wie durch ein Wunder stellen wir fest: Wir werden alle nicht jünger und so. Also das war damals Mitte 30, jetzt Mitte 50, und ja, nun zeigt es sich, dass doch der ein oder andere zu uns nachdenken kommt: Wie geht es denn so weiter mit meiner Kanzlei eigentlich? Eines Tages möchte ich die ja abgeben, weitergeben, so einen Staffelstab übergeben im Grunde genommen, und dann ist die Frage: An wen eigentlich? Und wenn man sich die Konstruktion der HSB-Gruppe so anschaut: Wir sind kooperativ miteinander verbunden. Und wenn jetzt, sage ich mal, ein guter Teil der Kanzleien oder viele der Kanzleien irgendwann sagen: Ja, ich verkaufe jetzt an wen auch immer, dann sind die Kanzleien weg und die HSB-Gruppe auch. Zumindest müsste sie im Grunde genommen immer weiter wachsen, um die Ausscheidenden zu ersetzen, wenn man so will. Das ist ein Grund, warum wir gesagt haben: Wir müssten mal über Nachfolge nachdenken, ob wir die nicht selbst organisiert bekommen für uns. Ein anderes Thema ist, dass natürlich der Verkauf von HSP-Kanzleien an Dritte möglicherweise dazu führt, dass Dinge sich ändern, dass vielleicht Ertragserwartungen andere da sind, als sie vorher da waren, dass vielleicht das Thema Werte, die wir sehr hoch halten bei uns, nicht in dem Maße weitergeführt werden kann, aber eben auch vielleicht, dass die Familie selber, die eigene Familie, im Grunde genommen davon nichts mehr hat. Die Enkelfähigkeit ist hier so das Stichwort. Die lässt sich darüber nicht herstellen, über den Verkauf an Dritte. Und dann waren wir in einer Arbeitsgruppe – Zukunftsrat nannte sich das – fast ein Jahr zusammen. Dieser Zukunftsrat setzt sich zusammen aus´älteren Steuerberaterinnen und Steuerberatern, sehr jungen Steuerberaterinnen und Steuerberatern, dann so dem Mittelfeld, die so mittendrin stehen, und auch vor allen Dingen Kolleginnen und Kollegen, die noch gar nicht Steuerberaterinnen oder Steuerberater sind, aber es werden wollen. Und dann haben wir mal versucht herauszufinden: Was sind denn so die Bedürfnisse aller Beteiligten? Ja, die einen sagen: Ich will meine Kanzlei abgeben, möglichst viel dafür bekommen, aber eigentlich auch eine gewisse Beständigkeit.

Ulrich: Mhm.

Carsten Schulz: Ich möchte vielleicht auch diesen Vermögenswert nicht direkt versilbern und ausgeben, sondern eigentlich auch erhalten und für die Zukunft von Dividende oder Ähnlichem vielleicht auch ganz hübsch leben. Jüngere haben gesagt: Na ja, jetzt diese riesigen Investitionen, die da anstehen, je nachdem, wie groß so eine Kanzlei ist, machen uns Angst. Wir wissen nicht, wie die Zukunft weitergeht, wie entwickelt sich der Markt etc. etc. Da haben wir also viel diskutiert und haben dann für uns auf einmal entdeckt und gesagt: Eigentlich klingt das nach einer Gemeinschaftsveranstaltung, ich will es mal so sagen – also einer Lösung, die wir finden müssen, wo diejenigen, die an und in den Kanzleien arbeiten, sowohl Ertrag als auch die Macht haben sollten und sich das eben nicht, wie es normalerweise üblich sein könnte, auf einige wenige konzentriert, die dann natürlich eine Interessenkollision haben im Grunde genommen, wenn man so will sagen: Die Kanzlei soll sich gut weiterentwickeln, es soll auch investiert werden, die Menschen dort sollen glücklich sein, die dort arbeiten, wir wollen unsere Werte weiterhin hochhalten. Das sind ja alles sich widersprechende Dinge. Das funktioniert ja so nicht. Und ich will den meisten Ertrag haben, klar, logisch. Ich muss meinen Kaufpreis zurückführen und dann will ich einfach fett verdienen und so. Das fanden wir nicht attraktiv und deswegen haben wir dann gesagt: Ich glaube, das ist die Genossenschaft. Wir haben das dann strukturiert, sind jetzt kurz vor dem Launch, wenn man so will, viele Kolleginnen und Kollegen dafür begeistern können, die der Genossenschaft jetzt schon beigetreten sind. Es wird auch nicht bei einer Genossenschaft bleiben, sondern es wird auch eine zweite geben. Wir haben einmal die HSP-Steuer-Genossenschaft als Steuerberatungsgesellschaft, Berufsausübungsgesellschaft. Dort können natürlich nur jene Mitglieder werden, die das eben werden können, haben Berufsrecht – also alle partnerfähigen Berufe. Und die jetzige HSP-Gruppe-Servicegesellschaft, was ja eine gewerbliche Gesellschaft ist, aus der wird die zweite Genossenschaft, und an der können sich eben dann alle beteiligen – also alle Menschen, die irgendwie innerhalb von HSP tätig sind.

Carsten Schulz: Und wir wissen alle: Genossenschaft – ein Mitglied, eine Stimme, keine Machtkonzentration auf wenige. Und eben auch die Ertragskonzentration auf wenige ist ausgeschlossen, sodass wir ein hohes Maß an Akzeptanz erreicht haben. Einfach, dass die Leute sagen: Wow, das ist total spannend. Ich bin von einem Auszubildenden an der Kaffeemaschine auf dem HSP-Kongress angesprochen worden, als der gesagt hat: „Lukas, ich habe gehört, wir können uns ab dem nächsten Jahr dann auch beteiligen bei HSP. Stimmt das?“ Ja, das stimmt. Weil wenn die Genossenschaft da ist – also beide – dann gilt das auch für Auszubildende natürlich. „Ja, nee, super, ist klar, weiß Bescheid. Dann spreche ich mit meinen Eltern.“ Ein irres Gefühl, was sich da ergeben hat, dass die Leute sagen: Wow, das ist dann unseres. Ein ganz anderes Feeling auch für Mitarbeitende, dass sie sagen: Ja, ich bin Bestandteil dessen. Nicht mehr dieses: Da gibt es zwei, drei Vorturner oder Vorturnerinnen, die über alles bestimmen und die natürlich auch mit mir immer über mein Gehalt verhandeln und so. Und das andere Modell ist dann: Wow, ich bin Bestandteil dessen. Ich kann da im Beirat sitzen. Ich kann mich vielleicht in den Aufsichtsrat wählen lassen. Ich kann also Einfluss ausüben. Ich kann Vorstand werden. Auch die Karrierepfade, die dann möglich sind – vom Steuerfachangestellten zum Vorstandsvorsitzenden – das wäre dann möglich. Das finden wir total spannend. Der Beweis ist noch nicht erbracht, dass das erfolgreich sein kann. Aber die Zeichen sehen zumindest mal ganz positiv aus.

Ulrich: War sehr spannend. Ja, spannende Geschichte mit der Genossenschaft. Das heißt, alle Anteile von allen Kanzleien sind jetzt in der Genossenschaft? Nee, noch nicht. Aber kommen da rein.

Carsten Schulz: Nee, nee, noch nicht. Nein, nein. Also für jene Partner in der HSP-Gruppe, die das wollen. Wir können niemanden zwingen. Das Wesen der HSP-Gruppe ist ja, dass wir niemanden zu irgendwas zwingen, sondern immer überzeugen müssen. Das treibt ja an zur Bestleistung. Wir können den Leuten nicht sagen, was sie machen sollen. Das ist eigentlich gut so. Es gibt ein Grundset an verpflichtenden Dingen, also das ist Softwareeinsatz und so weiter und auch die Außendarstellung. Klar, sonst würde es ja gar nicht funktionieren. Welche Zusatzsoftware die Leute einsetzen beispielsweise, ob sie jetzt mit KI was machen wollen oder nicht, da können wir niemanden dazu zwingen, sondern müssen immer überzeugen. Das ist eigentlich gut. Genauso müssen wir auch überzeugen bei der Frage, ob es für die Kanzlei attraktiv ist, ihre Kanzlei an die Genossenschaft abzugeben oder eben nicht an jemanden Dritten. Auch da können wir niemanden dazu zwingen. Und das ist eigentlich toll, weil wir darüber gezwungen sind, Rahmenbedingungen zu schaffen, die attraktiv sind.

Ulrich: Es haben aber schon die ersten Kanzleien jetzt angefangen mit der Genossenschaft oder ist nur der Beschluss gefasst worden?

Carsten Schulz: Na ja, wir haben gegründet und es haben immerhin 63 oder 64 Partnerkanzleien sich entschieden, mitzuwirken an der Genossenschaft. Verbunden mit natürlich einer gewissen Hoffnung oder einem Interesse daran, dann auch Bestandteil jener zu werden. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das Angebot attraktiv ist. Niemand wird, sagen wir mal, jetzt wesentliche Geldbeträge verschenken wollen oder auf jene verzichten, nur um dann weiterhin Bestandteil von HSP zu sein, einerseits. Andererseits ist es ja so: Es wird ja nicht so sein, dass von heute auf morgen alle Kanzleien sagen, wir haben jetzt keine Lust mehr, wir wollen das jetzt alles abgeben, sondern es ist ja ein langer Prozess. Der kann durchaus über die nächsten zehn Jahre gehen, theoretisch auch 15 Jahre, weil wir ja auch sehr junge Kanzleien bei uns haben, die sagen, wir machen aber erst mal so weiter und geben halt erst später ab, sodass das ein Prozess ist. Aber was passieren wird aller Voraussicht nach, ist, dass diese Genossenschaft in den nächsten Jahren ein ernstzunehmender Marktteilnehmer wird. Natürlich: Je mehr Kanzleien da jetzt reingehen, desto schlagkräftiger wird das. Und kannst du dir ja vorstellen: eine größere Kanzlei mit 35 Leuten bei uns, und wenn wir dann 100, 200, 300, 400 Mitarbeitende in der Genossenschaft haben, das lässt sich noch mal ganz anders organisieren als das dann jetzt verteilt auf 15 Kanzleien der Fall ist. Und daraus ergeben sich Skalierungseffekte, da ergeben sich vielleicht auch noch mal andere Zufriedenheitswerte im Team, möglicherweise basierend auf anderen Vergütungsmodellen, die man da finden wird etc. etc. Und das muss man jetzt mal beobachten. Das ist wirklich für uns: Es ist erst mal am Markt, es ist ja einmalig, es gibt es ja bisher nicht in der Form, insbesondere in der Form, dass man sagt: Jeder, der die Voraussetzungen erfüllt, kann hier Mitglied werden, hat Mitsprache, kann sich einbringen, hat Dividende natürlich dann auch – und zwar unabhängig davon tatsächlich, ob die notwendigen Voraussetzungen in vollem Umfang erfüllt sind, weil wir über die zweite Genossenschaft das allen ermöglichen werden. Das ist übrigens auch der Grund dafür, dass wir von Enkelfähigkeit sprechen, weil wir in den Satzungen verankert haben, dass für den Fall, dass ein Mitglied ausscheidet, beispielsweise durch Tod, die Erben die Möglichkeit haben, ihre Anteile sich entweder auszahlen zu lassen oder eben zu wandeln gegen Anteile der Servicegenossenschaft, sodass sie auch dauerhaft an den Früchten und Erträgen dessen, was ihr Vorfahre erschaffen hat, teilhaben.

Ulrich: Ich finde das total spannend. Ich habe das gerade bei meinem internationalen Verbund über so einen Zeitstrahl diskutiert, weil ihr habt ja erst mal als Verbund angefangen, bestimmte Sachen zu zentralisieren, aber weitgehend Freiheit gegeben. Und jetzt der nächste Schritt mit der Genossenschaft. Ist ja so eine Art indirekte Fusion der Kanzleien, wahrscheinlich eher auf kulturellen Werten und Vorstellungen basierend, zumindest was Nachfolge und damit verbundene Gewinnoptimierung angeht. Und damit entsteht Schritt für Schritt eine größere Einheit, die, wie du sagst, erst mal ein ganz signifikanter Marktteilnehmer ist, in aber ganz anderer Struktur als Strukturen, die durch Private Equity zusammengekauft werden. Carsten Schulz (18.31.883) Klar, absolut. Na ja, auch die Genossenschaft muss ihre Kaufpreise nachher irgendwo refinanzieren, klar. Aber die Renditeerwartungen darüber hinaus sind halt nicht so riesig. Sagen wir mal so: Da erhoffe ich mir einfach gewisse Vorteile dadurch dann. Das ist sicherlich ein Punkt, aber wir sehen eben auch diesen wertebasierten Ansatz sehr intensiv. Wenn du dir die Satzung der Genossenschaft anguckst, ist die erste Seite eine Präambel, die unter anderem auf die Menschenrechte der Vereinten Nationen referenziert und ähnliche Dinge, sodass wir menschenfeindliche Ideologien, rassistisch, sexistisch und Ähnliches, schon in der Präambel drin haben, dass wir das nicht wollen. Und es ist auch als Ausschlussgründe später geregelt, dass für den Fall – ob das dann juristisch hält und hier und da, da gibt es ja dann auch die Stimmen, die sagen: Nee, das kannst du nicht machen und so – das ist mir erst mal egal. Erst mal hast du eine Flagge, auf die alle schwören können. Und wie man damit umgeht, wenn dann einer das nicht will oder jemand das nicht möchte in der Form, das werden wir dann noch mal sehen. Aber ich finde das erst mal vom Grundsatz her gut und richtig. Es geht nicht nur ums Geld hierbei. Das muss man eigentlich einfach mal so sagen.

Ulrich: Ja, das passt, wie gesagt, sehr zu dem Zeitstrahl. Wenn wir internationale Organisationen nehmen: loser Verbund, jeder bleibt seins, die Mitglieder bestimmen, dann delegiert man es an die Mitarbeitenden der Organisation. Und dann kommt ein Integrationsschritt gegebenenfalls hin bis zum internationalen Netzwerk, wenn man das denn da will. Aber das, was die Masse der Einheiten angeht, und so ein bisschen auf Deutsch übertragen und lokal übertragen, ist es da ja auch so, dass ihr euch jetzt über Jahre kennengelernt habt, festgestellt habt: Was mache ich eigentlich mit meiner Kanzlei? Eigentlich will ich die langfristig erhalten und nicht über einen Exit optimieren und danach ist mir egal, was damit passiert, sondern ich will etwas für die dauerhafte Zukunft schaffen, was dann auch mit Wertegerüst und Unabhängigkeit, Berufssatzung etc. zusammenpasst – nach dem Verständnis, wie ihr es lebt.

Carsten Schulz: Ich hätte das gar nicht gedacht. Man darf das nicht unterschätzen, was es Kolleginnen und Kollegen wert ist, zu wissen: Mein Lebenswerk wird erhalten bleiben. In der Form, in der ich es übergeben habe. Jetzt wird es dann Veränderungen geben. Aber das, was ich die letzten 10, 15 oder 20 Jahre beruflich gemacht habe, wird auch in Zukunft Bestand haben können. Auch mit meinen Leuten. Das ist oft ein Thema. Ich habe hier Mitarbeitende, mit denen arbeite ich seit 15, 20, 25 Jahren zusammen. Dann erlebt man das natürlich am Markt. Dann wird immer viel über ein tolles Team und die Zusammenarbeit so großartig geredet. Aber wenn es dann zum Schwur kommt, dann wird ruckzuck verkauft. Nach mir die Sintflut. Und wie viel wert das ist … Ich finde es ja großartig, dass Leute sagen: Mir ist es aber wichtig.

Ulrich: Ja.

Carsten Schulz: Ich bin sogar bereit, dafür dann auch möglicherweise nicht das beste Angebot nur der Höhe nach anzunehmen am Markt, weil andere vielleicht sagen, wir wollen aus strategischen Gründen zusammenkaufen und sind deswegen bereit, auch mehr zu zahlen, als die Zahlen eigentlich hergeben. Das würden wir jetzt vielleicht als Genossenschaft eher nicht machen wollen oder auch nicht können. Aber die Kolleginnen und Kollegen sagen: Ja, das wäre es mir vielleicht aber wert. Jetzt nicht in unermesslichen Differenzen, aber es geht eben nicht nur ums Geld, sondern um vieles mehr.

Ulrich: Ja, das finde ich sehr spannend, weil dieses „Nach mir die Sintflut“ viel von dem ist, was an anderen Stellen in der Branche passiert. Bevor wir jetzt gleich zum Schluss kommen – und so richtig viel Zeit haben wir dafür auch nicht mehr – aber ihr habt ja nicht nur die HSP-Gruppe gegründet und jetzt die Genossenschaft innerhalb der HSP-Gruppe, sondern ihr schafft auch ein Netzwerk, nenne ich es mal, eine Basis für weitergehende Zusammenarbeit, um mit den Themen KI und Digitalisierung als Zukunftsthema umzugehen. Kannst du dazu noch kurz zwei, drei Worte sagen?

Carsten Schulz: Fällt mir schwer, immer kurz zu bleiben, aber Uli: Das ist der Kanzlei-Pakt, den wir ja im letzten Jahr gegründet haben, Ulf Hausmann und ich, aus der Erkenntnis heraus, dass die Herausforderungen, denen wir uns jetzt ausgesetzt sehen – mit KI, Automatisierung und anderen Themen – so gewaltig sind, dass es selbst für eine HSP-Gruppe schwierig ist, ihnen angemessen zu begegnen. Und die Idee, die dahinter steckt und die ja auch derzeit Verwirklichung erfährt, ist die: Wir sagen, wir haben ja einmal bewiesen mit der HSP-Gruppe, dass Kooperation erfolgreich sein kann. Und die HSP-Gruppe ist nun eine Kooperation, die sehr, sehr eng ist, mit einer vereinheitlichten Außendarstellung, IT und vielem mehr. Und wir haben uns dann die Frage gestellt: Könnte es sein, dass wir oberhalb der HSP-Gruppe nicht noch eine Metaebene einziehen – in dem Fall namens Kanzlei-Pakt –, wo andere, auch größere Einheiten sich mit uns dann noch mal zusammentun, um explizit bestimmte Themen gemeinschaftlich anzugehen und umzusetzen? Da geht es dann auch um Geld und Finanzierung letzten Endes. Nur, um mal ein Beispiel zu benennen: Wir haben verschiedene Projekte, die wir dort verfolgen. Eins davon ist eben: Wie schaffen wir es, Mandanten, Daten, Dokumente und vieles mehr den LLMs – also Language-Modellen – zur Verfügung zu stellen und darüber dann Dunkelverarbeitung und Ähnliches zu machen?

Carsten Schulz: Also Frühwarnsysteme, auch basierend auf Rechtsprechung, Verwaltungsanweisungen etc., und/oder eben auch Controlling auf eine andere Art und Weise zu ermöglichen, als wir das heute tun als Steuerberater. Also: Wie kommen wir dahin, der Erfolgstrainer unserer Mandanten zu sein? Und da sprechen wir dann über Systeme, da sprechen wir aber auch über Entwicklungen. Und wir sprechen am Ende dann natürlich auch über möglicherweise erhebliche Investitionen. Und diese Investitionen wollen wir gemeinsam machen. Da sind jetzt die ersten Projekte am Start, wo wir jetzt losmarschieren. Und es wird sich auch erst zeigen, wie erfolgreich das ist. Das ist ja wie immer so. Wir haben jetzt letztes Jahr angefangen, aber wir haben tolle Kanzleien dort schon vereint. Super Kolleginnen und Kollegen, es macht total Spaß, sich da auszutauschen, und wir haben auch schon die ersten Erfolge – also wo wir sagen: Hier können wir für alle Mitglieder, und die HSP-Gruppe ist eben – und die Kanzleien der HSP-Gruppe sind ein Mitglied des Kanzlei-Pakts –, schon Vorteile ausliefern, die wir sonst so nicht gehabt hätten.

Ulrich: Das ist ein schönes Schlusswort, lieber Carsten. Das macht nämlich Appetit auf mehr. Und darüber können wir dann andermal sprechen. Vielen Dank für die Insights in alternative Modelle der Zusammenarbeit und auch der Zukunftsfähigkeit. Ich hoffe, dass das für den einen oder anderen der Zuhörenden Inspiration sein kann, wie man mit den Herausforderungen der Zeit umgehen könnte. Vielen Dank für deinen Input.

Carsten Schulz: Ja.

Carsten Schulz: Danke für deine Einladung, lieber Uli.

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