redenhilft #57: Wie selbständig willst Du sein?

Shownotes

Im Gespräch zwischen Jens Henke und Ulrich Britting geht es um das Wesentliche: um unsere Identität und – am Ende des Tages – um Stärke. Private Equity ist ein Thema, keine Frage. Und nicht nur, weil sich gerade sogar der Bundesrat damit beschäftigt. So auch wir. Das Dilemma in allen persönlichen Belangen: wirtschaftliche Ziele versus berufliche Unabhängigkeit, unter anderem auch getrieben durch regulatorische Risiken. Abgesehen davon, dass auch durch stark wachsende, selbstständige Unternehmen Abhängigkeiten entstehen – von Partnern, Kooperationen, beteiligten Familien –, ist am Ende des Tages die Antwort auf die ethische Frage der Steuerrechtspflege sehr entscheidend. Insgesamt ein wahnsinnig interessantes, richtungsweisendes Spannungsfeld. Wachstum und Veränderung, die Vision vieler, sei angestrebt, nur mit welchen Konsequenzen? Seid gespannt.

Gast

Jens Henke https://www.linkedin.com/in/jens-henke-445bba154/

Host:

Ulrich Britting
LinkedIn: https://de.linkedin.com/in/ulrichbritting

ba tax gmbh
LinkedIn: https://de.linkedin.com/company/bagroup5
Website: https://ba-tax.de/

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Ulrich: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des ba taxer. Ich bin Ulrich Britting und habe heute zum zweiten Mal Jens Henke zu Gast. Herzlich willkommen, Jens.

Jens Henke: Hallo, Uli!

Ulrich: Wir haben letztens schon mal über Haltung in der Steuerberatung gesprochen und uns so lange festgeredet, dass wir eine zweite Folge draus machen, weil wir zu dem spannenden Thema Private Equity in der Steuerberatung und was das mit Haltung zu tun hat und ausmacht noch gar nicht gekommen sind. Ich freue mich drauf, wo es uns jetzt hintreibt. Es passiert ja auch gerade was, der Bundesrat hat sich ja gerade positioniert und ein bisschen eine neue Spielweise mit in die Diskussion gebracht.

Jens Henke: Ja, vielleicht magst du die noch ganz kurz für alle Hörer erläutern, was der Bundesrat jetzt gemacht hat, weil ich glaube nicht, dass jeder das Thema so intensiv verfolgt wie wir beide vielleicht.

Ulrich: Das ist ein guter Hinweis. Also wir sprechen über Private Equity. Ist das gut? Ist das schlecht für die Branche? Was macht das mit der Haltung? Die Berufsverbände haben sich sehr klar gegen Private Equity in der Steuerberatung positioniert. Da sprechen wir nachher auch noch einmal drüber. Die Bundesregierung hat sich nicht dazu entschlossen, einen Schritt zu unternehmen. Und jetzt gibt es eine Initiative aus dem Bundesrat, die beschlossen hat, die Steuerberatung und Private Equity geht nicht zusammen und versuchen, das auf diesen Weg ins Gesetzgebungsverfahren zu bringen, was das auch immer bringt im internationalen Kontext.

Jens Henke: So, damit haben wir doch jetzt erstmal eine wunderschöne Beschreibung der Lage.

Ulrich: Chaos.

Jens Henke: Nö, Chaos ist das nicht, das ist ein ganz normaler Gesetzgebungsprozess. Schau mal, du hast ja verschiedene Beteiligte an dem Gesetzgebungsprozess und die bringen jetzt alle ihre Sichtweisen ein und am Ende des Tages kommt ein Gesetz bei raus.

Ulrich: Ja, das ist spannend bei so einem Thema, da schon in der aktuellen Zeit jede Menge Dinge passieren und auch Grundlagen geschaffen werden.

Jens Henke: Ja, also wenn man jetzt, natürlich, wenn du jetzt dir das Thema mal anschaust, bevor wir zum Begriff Haltung in der Sache kommen, vielleicht dazu, wenn du jetzt sagst, ich bin jetzt hier schon losmarschiert mit meinem 200 Millionen, 300 Millionen Kapital, die ich dann jetzt ausgeben soll, um Steuerberatungskanzlei zu kaufen und ich rutsche jetzt in so eine Rechtsunsicherheit rein, ist das natürlich für weitere Investoren oder wenn du jetzt sagst, du musst den Exit schon mal wieder vorbereiten, ist das natürlich schwierig. Das das eine. Auf der anderen Seite kann es natürlich auch sagen, okay, hey, ich war schnell genug, ich habe jetzt hier noch Vertrauensschutz. Und weil ich eine vertrauensgeschützte Gesellschaft bin, kann ich ja immer noch weiter kaufen im Gegensatz zu allen anderen. Und könnte natürlich auch sagen, dadurch ist meine Gesellschaft mehr wert. Auf der anderen Seite, wenn man sich anschaut, wir hatten ja, ich meine, bis 1989 die Situation, dass du als Steuerberatungsgesellschaft auch jemand anderen gehören konntest, zum Beispiel Ärzten, Apothekern, Kirchen, was hatten wir noch? Bauernverbände, also die DBB Data zum Beispiel. Und da darfst du an den Strukturen nichts verändern, an diesen Altgesellschaften, ansonsten verlierst du diesen Vertrauensschutz und diesen Status, den du hast. Das könnte dann natürlich für die jetzt auch gelten. Das heißt, das Kapital wäre da drin gefangen und die müssten halt irgendwelche Berufsangehörigen, Gesellschaften finden, die dann dieses Konglomerat, was da gebaut wurde, freundlicherweise kaufen.

Ulrich: Ja, oder akzeptieren anderes Verdienstmodell über eine kontinuierliche Rendite ohne den Exit-Plan so umzusetzen.

Jens Henke: Genau. Und dann ist halt die Frage, was haben die Investoren, als sie sich das in ihren Exel-Sheets ausgerechnet haben, ein Investment-Case aufgebaut. Es ist eine sehr langfristige Kapitalanlage, wahrscheinlich eher nicht, eher wahrscheinlich das klassische Roll-Up-Modell, wo du sagst, ich habe einen Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren und danach muss das Ding weiterverkauft werden.

Ulrich: Hast du schon Gespräche geführt mit Private Equity Investoren?

Jens Henke: Ich bin ja nicht in der Rolle, diese Gespräche führen zu können, weil wir sind ja eine Altgesellschaft und dementsprechend haben wir ein ganz anderes Modell bei uns.

Ulrich: Ja, das stimmt natürlich. Ich durfte diverse Gespräche führen, habe also unterschiedliche Modelle vorgestellt bekommen. Wir wollen das nicht wahrnehmen. Wir sind nicht für for sale sozusagen. Aber die klassischen Modelle sprechen von so einem Fünf-Jahres-Tornos. Inzwischen kommen die auch schneller zu dem Punkt, dass sie in fünf Jahren weiter verkaufen wollen. Am Anfang war das noch bisschen verdeckter. Ja, spannend wie jetzt die unterschiedlichen Kämpfe und Bewegungen diese Modelle vorantreiben. Ich glaube, was man sagen kann, ist es, dass, wenn ich eine Gesellschaft habe mit mehreren Altgesellschaftern, die Nachfolgeprobleme haben, ein schönes Exit-Modell ist, noch einen guten Wert für seine Gesellschaft zu bekommen oder war in der letzten Zeit.

Jens Henke: Ja, bestimmt. Und dann sind jetzt einige vielleicht auch mal in der Lage, dass sie sich auch mal ein kleines Boot leisten können oder sowas. Ich meine, es ist ja tatsächlich genau das, dass du Personen hast mit einem ungelösten Nachfolgethema, die jetzt diese Chance genutzt haben. Aber es sind ja nicht nur die. Es sind ja auch Jüngere, die noch gar nicht so lange selbst am Markt waren, die das Thema jetzt für sich genutzt haben. Das ist auch völlig okay aus deren Perspektive. Ich fände es auch schade, wenn man denen da jetzt irgendeinen Vorwurf draus macht, dass sie das gemacht haben. Das war aus deren individueller Perspektive eine kluge Entscheidung. Die Frage ist doch, was passiert in diesen Strukturen in den Folgejahren? Welche persönlichen Entwicklungschancen hast du? Weil der klassische Entwicklungsfahrt hin zur Partnerschaft ist ja per se erstmal ein Stück weit eingeschränkt. Ich will nicht sagen verwehrt. Ich meine schon, dass du da irgendwie so Mini-Partner an irgendeiner Stelle sein kannst, mit echten Anteilen oder mit virtuellen, wie auch immer. Die Frage ist, wie viel Gestaltungsmöglichkeiten hast du? Ist es vielleicht dann eher so eine Rolle, wie wenn du Partner bei dem Big Four bist? Dass du sagst, du bist hier für ein bestimmtes Thema verantwortlich. Aber auf die Gesamtstrategie des Unternehmens hast du natürlich auch nur einen sehr begrenzten Einfluss. Das kann schon sein. Aber lass uns doch mal zur Frage der Haltung zurückkommen. Weil das war ja der Ausgangspunkt. Und da würde ich noch mal auf unser erstes Treffen zurückkommen wollen. Was bedeutet Haltung? Und da will ich noch mal dran erinnern, es geht ja bei der Haltung in unserem freien Beruf die Frage, wie verlässlich bin ich in meiner Rolle?

Ulrich: Das ist eine allgemeine Definition von Haltung. Wie verlässlich bin ich in meiner Rolle? Mit Haltung bin ich verlässlicher, als wenn ich keine Haltung habe.

Jens Henke: Genau und jetzt kommen wir zur Frage, was ist meine Rolle? Jetzt sind wir wieder bei dem wunderschönen Begriff Organ der Steuerrechtspflege.

Ulrich: Ja, da haben wir ja beim letzten Mal schon intensiv drüber gesprochen. Da du mich zwischendurch auch hast du mich zwischendurch auch kurz sprachlos gemacht, weil wir ja am Ende auf sehr ähnliche Ergebnisse hinauskommen, bloß mit einer ganz anderen Argumentationskette. Genau, also wir sind Organen der Steuerrechtspflege. Und. Wie wirkt jetzt Private Equity da drauf?

Jens Henke: Genau, jetzt machen wir wieder. Ein Schritt voraus nochmal. Was bedeutet diese Rolle für mich? Ich agiere unabhängig. Ich agiere eigenverantwortlich. Und jetzt komme ich zu der Frage, was bedeutet Fremdbesitz? Wobei ich den Begriff Fremdbesitz immer so schwierig finde, weil wenn man das juristisch auslässt, ist es Fremdeigentum. Gehen wir mal davon aus, wir haben diese Wirkung. Also was bedeutet jetzt dieses Fremdeigentum, diese Fremdeigentümerschaft auf meine Eigenverantwortlichkeit und auf meine Unabhängigkeit? Das ist doch die Frage, die man sich einfach mal ganz neutral anschauen sollte. Unabhängig von der Frage, bin ich jetzt dafür oder bin ich jetzt dagegen?

Ulrich: Ja, die überlagert das natürlich, weil die ja sehr emotional geführt wird. Aber genau.

Jens Henke: Lass mal Emotionen komplett rausnehmen.

Ulrich: Also ich glaube, das kommt ein bisschen auf die Argumentation an Fremdbesitz. Trifft ihr Tausende von Angestellten Steuerberatern in ihrer täglichen Arbeit auch? Also Frage der Wirkung. Eher weniger, oder?

Jens Henke: Es ist halt die Frage, lass uns mal die Eigenverantwortlichkeit anschauen. Beginnen wir mal mit der Eigenverantwortlichkeit. Das bedeutet ja, ich bin weisungsunabhängig. Weder den Weisung des Mandanten unterworfen, noch den Weisung etwaiger innerhalb einer Unternehmensstruktur bestehenden Vorgesetzten. Also sprich, kann ich als Steuerberater in einer größeren Struktur selber entscheiden, ob ich jetzt diesen Rat erteile, ja oder nein.

Ulrich: So weit gehe ich mit.

Jens Henke: Und wenn wir jetzt mal größere Strukturen uns anschauen, wir waren ja beide auch mal in größeren Einheiten tätig. Deine Einheit ist ja auch sehr groß. Muss man sich doch die Frage stellen, wie stelle ich sicher, dass innerhalb einer Organisation alles in eine Richtung geht, zum Beispiel über Qualitätsvorgaben. Heißt ja zum Beispiel, meine Eigenverantwortlichkeit wird ja schon so ein Stück weit eingeschränkt in einer größeren Organisation. Über die Vorgabe, dass es ein Vier-Augen-Prinzip gibt, was wiederum ja gestutzt wird durch den Begriff der berufsüblichen Sorgfalt. anderer Punkt. Und wo ich dann natürlich sage, okay, du musst mindestens einen zweiten Kollegen finden, der dieselbe Meinung vertritt wie du, bevor etwas rausgeht.

Ulrich: Ja. Ja, da kommt ja gegebenenfalls noch ein unternehmensinternes, wie heißt das, National Office bei den Großen. Die Fachabteilung dazu, die auch nochmal ihre Meinung reingeben könnte.

Jens Henke: Genau, oder du hast eine Hauslinie zu bestimmten Themen und die ist bekannt gegeben und dann sollst du bitte im Rahmen dieser Hauslinie handeln. Und wenn du davon abweichen willst, musst du es halt begründen.

Ulrich: Ja, du kannst ja davon abweichen. Du musst dir auch nicht beraten. Du kannst ja immer deine Konsequenzen ziehen und dir eine andere Umgebung suchen. Im ... Ernstfall.

Jens Henke: Fundiert. Völlig richtig. Völlig richtig. Denk mal an Anwaltskollegen, die vielleicht gesagt haben, ne, diese Auffassung, dass Cum-Ex legal ist, vertrete ich nicht. Ich kann hier in diesem Steuerteam nicht länger arbeiten. Sollte es ja gegeben haben, solche Leute. dementsprechend könnte man ja zu dem Ergebnis kommen, dass ich

Ulrich: Ja. Ja.

Jens Henke: Per se nie zu 100 % eigenverantwortlich agiere, sondern immer in einem System eingebunden bin, was mich determiniert. Und wenn ich das betrachte, käme ich zumindest was die Eigenverantwortlichkeit angeht, erstmal vielleicht zu dem Schluss, dass ich sage, die wird ja nicht unbedingt eingeschränkt, solange keine klaren Zielvorgaben passieren.

Ulrich: Bei den Zielvorhaben bin ich noch nicht d'accord, bei dem Rest schon. Ich glaube, der Unterschied, was das angeht, ist bei einer Großgesellschaft oder immer problematisch. Und da ist dann die Frage des finalen Eigentums fast sekundär, würde ich erst mal glauben. Frage ist, ob ich über das Eigentum dann noch Interessen gesteuert berate, indem, wenn wir gerade Cum-Ex erwähnt haben, ich parallel in Cum-Ex investiere und über die von mir besessene Steuerberatungsgesellschaft, Literatur und andere Dinge schaffe und Beratungsansätze schaffe, die das stützen, was da passiert.

Jens Henke: Dann bist du ja schon bei dem Punkt unabhängig. Dann berätst du ja vielleicht gar nicht unabhängig, weil du aus einem Investitionsinteresse heraus bestimmte Dinge beförderst.

Ulrich: Hast du noch andere Punkte zum Thema eigenverantwortlich oder wollen wir einfach sagen eigenverantwortlich?

Jens Henke: Das ist eigentlich jetzt eine gute Überleitung zur Unabhängigkeit.

Ulrich: Genau. So, die Unabhängigkeit.

Ulrich: Was verändert sich den Einstieg eines Private Equity-Unternehmens in der Unabhängigkeit? Für den Angestellten, Steuerberatenden, Berufsangehörigen? Erst mal nicht so viel.

Jens Henke: Es kommt drauf an. Gehen wir doch mal auf das Thema Zielsetzung. jetzt stellen wir uns mal vor, wir haben eine Investorengruppe, sagt, wir investieren hier einmal in Steuerberatung, das ist das eine Ding. Und das andere ist hier, wir machen neue Energien, Infrastruktur, keine Ahnung. Da gibt es ja auch sehr beliebte Unternehmen hier in Berlin mit sehr tollen Arbeitsbedingungen. Das war jetzt ironisch. Das kriegt man hoffentlich nicht mit. Und die sind ganz wild drauf, dass Batteriespeicher verkauft werden. Und jetzt könnte ich natürlich, auf der Investoren-Ebene, die Idee kommen zu sagen, liebe Freunde in der Steuerberatung, ihr sorgt jetzt mal dafür, dass ganz viele Batteriespeicher verkauft werden. Und zwar...indem ihr eure Mandanten mit Steuerzahllasten ratet, doch schön auf der privaten Ebene Gewerbebetriebe zu gründen und Investitionsabzugsbeträge zu bilden, die dann freundlicherweise auf die Batteriespeicher, die unser Andersinvestment verkauft, übertragen.

Ulrich: Ja, den Fall gehe ich mit....wärst du nicht mehr so wirklich unabhängig in deinem...

Ulrich: Nein, ich frage mich gerade, ist das konstruiert oder ist es nicht konstruiert, weil ich ja gegebenenfalls im Bereich Finanzdienstleistungsberatung oder Immobilienberatung auch heutzutage über andere wirtschaftliche Abhängigkeiten in ähnliche Gedankengänge gehen könnte als Steuerberater.

Jens Henke: Genau, da kommen wir nämlich gleich zu. Machen wir nochmal ein zweites Beispiel. Stell dir vor, du hängst als Investition unter einem Versicherungskonzern-Fonds. Jetzt kommen die Freunde da auf die Idee, Mensch, wir müssen mehr Rückdeckungsversicherungen für Alltagsversorgung verkaufen. Also beraten unsere Steuerberater bitte wieder, dass Faktionsrückstellungen selbstverständlich in die Bilanz einer GmbH gehören. Und selbstverständlich haben wir auch das passende Produkt und ihr arbeitet nur mit diesem Produkt. Also das, was so vor 20, 25, 30 Jahren bei den Banken eingeführt wurde, das könnte tatsächlich ja ein Thema sein. Jetzt komme ich wieder zu deinem Punkt zurück. Ist das neu? Dass so was passiert. Oder hatten wir das nicht schon? Also da war ich noch Kind, aber lasst uns noch mal zurückgehen in die 80er, 90er Jahre, weil die Auswirkungen habe ich immer noch in irgendwelchen Steuererklärungen.

Jens Henke: Denk so an diese Bauherrenmodelle. Denk an Ostimmobilien.

Ulrich: Ja, also da war ich noch nicht zu jung für zwingender Weise, aber noch nicht im Berufsleben angekommen. Die habe ich nur am Rande gekratzt, aber das waren ja wahrscheinlich sehr vergleichbare Themenbereiche. Ich weiß gar nicht, wie das damals gelöst worden ist, aber ich...

Jens Henke: Es soll auch Steuerberater gegeben haben, die dann angefangen haben große Immobilienfunks zu bauen. Nennen jetzt keinen Namen, aber es gibt da ja so paar bekannte Objekte in Berlin und an der Ostsee und wo auch immer.

Ulrich: Ja, also an der Stelle bin ich bei dir, da ist die Unabhängigkeit massiv eingeschränkt. Und das ist sicherlich wirtschaftlich hoch interessant, wenn man so was machen würde, aber ja auch mit einem hohen Glaubwürdigkeitsverlust des Berufsstandes verbunden.

Jens Henke: Und das ist genau der Punkt.

Ulrich: Ich diskutiere ja immer eher aus Kundensicht im Vergleich mit medizinischen Versorgungszentren oder Tierärzten, wo ich auch über eine Gewinnoptimierung, der wir sicherlich auch an der einen oder anderen Stelle jetzt schon unterliegen, ein Eigentümer getriebener finanzieller Druck erzeugt wird, bestimmte Zahlen zu erreichen und Leistungen zu verkaufen, die nicht zwingend im Interesse oder im finalen Interesse des Kunden sind oder bei uns der Mandanten sind.

Jens Henke: Ja genau, Bereich Tierarztpraxen dann der Verkauf von bestimmten Tierfutterprodukten und Tierfutterergänzungsprodukten und diesen ganzen Krämpel. Oder im Zahnarztbereich gibt es da ja auch so ein paar interessante Beispiele.

Ulrich: Ja.

Ulrich: Genau, dass darüber Zusatzgeschäft generiert wird. Und wir sehen das ja auch so in der Praxis, dass es gibt, die gnadenlos Schema F verkaufen, unabhängig davon, ob dem Kunden das hilft oder nicht. Und weil es sich gut anhört. Genau.

Jens Henke: Ja, guck mal, genau das haben wir ja auch so schon. Denk an so bestimmte YouTube-Steuerberater, die jedem eine Holding verkaufen, egal ob das ein Friseurladen ist oder ein Scale-up, wo das Sinn machen könnte.

Ulrich: Du kriegst das natürlich über Private Equity noch mal in einer anderen Dimension hin. Und wenn ich mir meine Gespräche so in Erinnerung rufe, die wollen ja alle einen Leuchtturm kaufen, idealerweise so plus minus 200 Mitarbeitende und dann jeden Monat ein bis zwei Kanzleien oberhalb der drei Millionen Euro Umsatzzahlen dazu nehmen.

Ulrich: Wenn es jetzt so zehn Private Equity Häuser gibt, die das gerade parallel versuchen, dann gibt es kaum noch Gesellschaften mit mehr als 200 Mitarbeitenden, die selbstständig sind außerhalb der Next 10. Und bei 10 mal, ich sag mal, 15 bis 20 Kanzleien, 3 bis 5 Millionen plus ist die Anzahl der unabhängigen Kanzleien relativ schnell sehr stark ausgedünnt.

Jens Henke: Ja.

Ulrich: Ist das schlimm?

Jens Henke: Dann hast du halt diese Strukturen und dann musst du ja schauen, wie entwickeln sich Menschen in Strukturen und manche entwickeln sich dann ganz schnell wieder in eine andere Struktur, weil sie merken, dass vielleicht nicht so das ist, was sie sich erwartet haben. Also schau dir mal an, was in den letzten, ich sag mal zehn Jahren oder 15 Jahren in der Wirtschaftsprüfung und auch bei größeren Steuerberatungskanzleien passiert ist durch diese Fusion. Da gibt es ja

Jens Henke: Gibt ja verschiedene Beispiele hier in Berlin. Ich will jetzt keine Namen nennen. Aber da gab es so zwei Westberliner Platzhirschkanzleien, die haben sich dann zusammengeschlossen. Das waren die Doppelname. Müller und Meyer. Dann sind sie fusioniert mit einer Hamburger Kanzlei. Dann hießen sie Müller, Meyer, Schulze.

Ulrich: Dann kam noch ein vierter Name dazu.

Jens Henke: Ja, und dann wurde aus vier Namen Einnahme, ja, und der ist jetzt auch schon wieder Geschichte. Und das ist ja nicht nur bei einer Struktur passiert, sondern auch bei anderen. Und du hast bei diesen Fusionen immer einen bestimmten Bestand an Mitarbeitenden, sagen, nö, ist nicht meins, wird mir zu groß, ich gehe hier raus.

Ulrich: Ja, weil ja unser Berufsstand vor allem hier in Deutschland auch über die Themen Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit sagt, ich will, wenn ich die fachliche Reife erreicht habe, eigentlich machen, wie ich es für richtig halte und sich sehr schwer tun, sich in Organisationen einzubinden. Deswegen gibt es ja auch viele Kanzleien mit zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht Partnern, die sich auf einen Minimalkompromiss einigen und wo jeder vor sich hin arbeitet, ohne dass es eine gemeinsame Strategie gibt. Und ich glaube, dieser Teil beißt sich ein bisschen mit der fehlenden Bereitschaft oder Möglichkeit, junge Leute sich einzukaufen. Wobei dies momentan sehr einfach haben, neue Strukturen zu gründen, weil über Internet und Digitalisierung bestimmte Sachen da einfacher sind als vor 20 Jahren, wo ich...

Jens Henke: Ja, du hast viel mehr Transparenz im Markt, hast auch viel mehr Zugriff und Verfügbarkeit auf Werkzeuge. Und könnten wir mal in einer anderen Folge besprechen, wie soll das gesamte Kanzlei-Stack heutzutage eigentlich aussehen könnte und ob du da eigentlich nur eine mit deiner Software arbeitest, wie die meisten jetzt, oder ob du das auch anders lösen kannst. Aber lass uns vielleicht noch mal auf einen Punkt eingehen in dieser Diskussion. Was mich an der Diskussion immer so stört, ist, dass sich alles auf dieses Private Equity-Ding fokussiert, bei der Diskussion Fremdbesitz. Ich nehme wahr, dass das Thema viel schrächtiger sein kann. Denke zum Beispiel an Kanzleien, wo du klassische Familienbetriebsstruktur hast und das Kind fachlich nicht schlecht ist, auch gut führen kann, aber nur blöderweise dreimal durchs Steuerberater-Examen gekracht ist.

Jens Henke: Ja, kannst du die Kanzlei vom Papa nicht übernehmen oder von Mama? Ist blöd. Musste dann über so ein, wie heißt das Kanzlei, Treuhänder oder sowas lösen. Aber das sind dann halt so halbgare Lösungen, wo ich so denke, wo ist jetzt das verdammte Problem? Solange du sicherstellst in so einer Struktur, dass sie im Zweifel von einem Steuerberater oder einer Steuerberaterin geleitet wird, hast du doch die Qualitätssicherung. Und dann bleibt das halt in Familienhand. Warum denn nicht?

Ulrich: Du könntest ja heutzutage auch als Familie den selben Weg gehen, Private Equity geht. Für die Beteiligung.

Jens Henke: Ja gut, dann hast du natürlich Strukturkosten, die du dir erstmal leisten können musst. Und das ist ja noch der nächste Punkt. Wenn du dir einfach mal diese Investmentstrukturen anguckst, dass du sagst, weil es so nicht geht, musst du den Weg gehen über ein Vehikel in Luxemburg und eine Zwischengesellschaft in Deutschland, die dann wiederum beteiligt ist. Und wenn du nicht selber Wirtschaftsprüfer bist, musst du da auch noch einen Wirtschaftsprüfer finden, der das für dich da realisiert. Das sind Strukturkosten, die du erst mal an der Backe hast. Und damit limitierst du die Möglichkeit der Beteiligung auf Strukturen, die relativ groß und kapitalstark sind und eben jetzt nicht so aus dem Kreise kleinerer, mittlerer Familien unternehmen.

Ulrich: Ja, beziehungsweise über die Renditeerwartungen dieser größeren Einheiten kommst du wahrscheinlich bei den handelnden Personen auf ähnliche Einkommensmöglichkeiten, weil ja die größeren Einheiten, also Private Equity, eine ganze Menge Gewinn abschöpfen muss, diese Infrastrukturzahlungen und auch seine eigenen Renditeerwartungen zu erfüllen, unabhängig von einem möglichen Exitszenario.

Jens Henke: Und jetzt überlegt ihr doch mal, es gibt ja genug Modelle oder Geschäftsmodelle, wo man sagen kann, es könnte Sinn machen, wenn ich mich hier als Steuerberatungskanzlei zusammenschließe mit einem Nicht-Steuerberatungsunternehmen, zum Beispiel im Bereich Immobilienverwaltung oder im Bereich bestimmte Technik. Also ihr macht ja auch sehr viel Richtung Onlinehandel. Und warum sollte es nicht möglich sein, sich ein Onlinehändler oder eine Onlinehändlerplattform, die sagt, ich möchte dieses ganze Thema etwas besser systematisieren, ich möchte eine qualitativ hochwertige Steuerberatung für meine Nutzer zur Verfügung stellen, sagt, ich beteilige mich an einer Steuerberatungsgesellschaft, die nur das macht.

Ulrich: Ja, so ein bisschen gab es das ja auch schon, solche Versuche mit softwaregetriebenen Steuerberatungsgesellschaften.

Jens Henke: Genau.

Ulrich: Das heißt, wenn ich über Private Equity das Fremdbesitzverbot öffne oder das Zulasse, müsste ich es eigentlich konsequenter machen mit einer anderen Rahmengestaltung als der, die wir heute haben, eben zum Beispiel Onlinehandelsplattformen oder Familiendynastien oder anderen auch die Möglichkeit zu geben.

Jens Henke: Wäre zumindest dann konsequent weitergedacht. Solange wir sicherstellen, dass dieser Qualitätsrahmenorgan der Steuerrechtspflege gewährleistet bleibt. Ich habe noch keine abschließende Meinung zu dem Thema, aber ich bin halt auch kein Fan von es gibt Schwarz und es gibt Weiß, sondern es gibt meistens irgendetwas dazwischen. ich finde, über dieses Dazwischen wird mir viel zu wenig diskutiert. Und ich finde, da könnte man zumindest mal in eine Diskussion darüber einsteigen, ohne dass man immer Basta sagt und Basta hört von bestimmten Seiten.

Ulrich: Ja, das mit dem Buster und Protektionismus ist ja gerade in diesem Lande sowieso ein großes Thema, weil die Experimentierfreudigkeit für innovative oder neuere Lösungen, ich sag mal, begrenzt ist, zumindest auf politischer Ebene. Aber ich fand das wieder sehr spannend, lieber Jens, weil wir uns auch dem Thema Private Equity im Zusammenhaltung ganz anders angenähert haben, als ich es mit anderen Gesprächspartnern hatte.

Jens Henke: Sehr gerne.

Ulrich: Hat auch wieder den klassischen Zeitrahmen überschritten. Deswegen dränge ich jetzt so ein bisschen aufs Ende. Aber vielen Dank für diese anderen Perspektiven. Und ich bin mir sicher, wir sprechen noch einmal über ähnliche Themen in der Zukunft. Danke dir.

Jens Henke: Jederzeit gerne Uli. Bis bald, tschüss!

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